„Es ist so was Lebendiges drum“ – Die Westerwälderin Ika Freudenberg (1858-1912) und die Münchner Frauenbewegung

Die Folge im Podcast:

Am 10. Januar 1912 verbreitete sich in der deutschen Frauenbewegung eine Nachricht wie ein Lauffeuer: Ika Freudenberg war tot. Im Alter von 53 Jahren war sie in der Nacht des 9. Januar ihrem Brustkrebsleiden erlegen. In den folgenden Tagen waren die Frauenzeitschriften und die progressive Tagespresse voll von Nachrufen, die das Bild einer Frau vermitteln, die nicht nur als frauenbewegte Aktivistin, sondern auch als Mensch hochgeschätzt wurde:

„Wie verstand sie mit unermüdlicher Geduld, Herzlichkeit und Humor in den Anfängen der Bewegung dem Unverständnis standzuhalten, die Trägen mit dem Blitzgefunkel ihrer Rede aufzurütteln, die Oberflächlichen in die Tiefe zu führen, den Kleinlichen die Größe und Weite ihrer Ziele zu entrollen, die Zanksüchtigen, Ehrgeizigen durch die Urbanität und Selbstlosigkeit ihres Wesens zu entwaffnen.“

Gabriele Reuter, Der Kampf der Frau, in: Der Tag. 20. Januar 1912.

Beschäftigt man sich heute mit der Geschichte der Frauenbewegung, so begegnet man sehr vielen Namen, bevor man auf den von Ika Freudenberg stößt. Wer war diese offenbar so außergewöhnliche Frau, deren Namen heute kaum noch jemand kennt?

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Kindheit und Jugend

Ika Freudenberg (die eigentlich Friederike hieß) kam vom Mittelrhein, genau: aus Raubach bei Neuwied. Ihr Vater war Hüttenbesitzer gewesen. In den 1860er Jahren gingen die Geschäfte allerdings dort immer schlechter. Der Westerwald war mittlerweile so abgeholzt, dass er seinen Namen kaum noch verdiente. Die Holzkohle, die zum Betriebe der Hochöfen gebraucht wurde, wurde immer teurer. Auf die modernere und effizientere Steinkohle umzurüsten lohnte nicht, weil die Kohlereviere an der Ruhr zu weit entfernt lagen.

Johann Philipp Freudenberg hatte die Zeichen der Zeit allerdings früh genug erkannt: 1866 gab er den noch laufenden Betrieb an einen Konkurrenten ab und ließ sich mit seiner Familie in Wiesbaden nieder. Wiesbaden galt als „Rentnerstadt“. Dort war nicht viel los, aber die Lebensqualität war hoch. Für ein 15- oder 16jähriges Mädchen mag das Leben dort vielleicht etwas zu geruhsam gewesen sein, aber Ika hatte Glück: Die Familie war aufgeschlossen und bildungsorientiert, und so bekam Ika, anders als viele andere junge Mädchen des gehobenen Bürgertums, die Möglichkeit zu einer Berufsausbildung. In den 1870er Jahren ging sie nach Berlin, um dort am Konservatorium ihres älteren Bruders Klavier zu studieren. Danach kehrte sie nach Wiesbaden zurück. Von öffentlichen Aufritten ist nichts bekannt, wohl aber, dass sie Unterricht an einem dortigen Konservatorium erteilte.

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Der Weg ins eigene Leben

Zunächst zog Ika Freudenberg wieder bei ihren Eltern ein. Irgendwann, vermutlich, als sie um die 30 war, war ihr jedoch danach, die Wohnsituation etwas zu verändern. Und so zog bei Muttern aus (der Vater war mittlerweile verstorben) und bei ihrer besten Freundin ein. Das mag pragmatische Gründe gehabt haben: Emmy Preußer lebte allein in der Parterrewohnung einer Stadtvilla, die sie zusammen mit ihren Brüdern von den Eltern geerbt hatte. Freudenbergs hatten dort nach dem Tod der Eltern Preußer die erste Etage gemietet. Als Johann Philipp Freudenberg starb, gab seine Witwe Caroline diese Wohnung auf und zog zu ihrem Sohn und dessen Familie in eine Vierzimmerwohnung einige Häuser weiter.

Es mag pragmatische Gründe gehabt haben, dass Ika Freudenberg bei Emmy Preußer einzog. Die beiden waren gleich alt und kannten sich schon länger. Außerdem war Emmy Preußer krank. Woran sie gelitten hatte, ist nicht bekannt, aber so gut wie alle Lebensbilder, die wir über Ika Freudenberg haben, sagen aus, dass sie ihren Beruf als Klavierlehrerin aufgab, um eine todkranke Freundin zu pflegen.

Inwieweit das so in der Form stimmt, wissen wir nicht. Einen Hinweis gibt es, dass die beiden nicht nur aus praktischen Gründen zusammenlebten: 1893, einen Monat nach dem Tod von Ika Freudenbergs Mutter Caroline, machten sie ein gemeinsames Testament. Das kling nun nicht nach einem reinen WG-Arrangement. Außerdem scheint Emmy Preußer zu jener Zeit noch recht mobil gewesen zu sein. Gemeinsam mit Ika Freudenberg begann sie um 1890, sich in der Frauenbewegung zu engagieren. 1893 nahmen sie an der Jahresversammlung des Vereins Frauenbildungsreform teil, die in jenem Jahr in Wiesbaden stattfand.

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Anfänge in der Frauenbewegung

Bildungschancen für Frauen und Mädchen waren zu jener Zeit eins der großen Themen der bürgerlichen Frauenbewegung. Von allen deutschen Gliedstaaten durften in den 1890ern nur im fortschrittlichen Großherzogtum Baden Mädchen höhere Schulen besuchen. Überall sonst war spätestens nach der Töchterschule Schluss – also mit 15 Jahren. Eventuell konnte ein Mädchen danach noch für zwei oder drei Jahre ein Lehrerinnenseminar besuchen; mit Glück und Talent war für manche auch eine künstlerische oder musikalische Ausbildung drin – wie es bei Ika Freudenberg der Fall gewesen war.

Zum Studium allerdings waren Frauen in Deutschland noch lange nicht zugelassen. Einige wenige Frauen studierten in der Schweiz – die anderen waren für intellektuelle Bestrebungen auf Privatunterricht und Selbststudium angewiesen. Einen akademischen Grad gab es dafür natürlich nicht. Ika Freudenberg zum Beispiel interessierte sich zeitlebens für Philosophie. In ihren Schriften ist das auch erkennbar. Sie hatte sich jedoch alles, was sie wusste, selbst beibringen müssen.

Auf dieser Tagung lernten die beiden zwei Frauen kennen, von denen eine zu einer der bekanntesten deutschen Frauenrechtlerinnen werden sollten: Anita Augspurg und deren Lebensgefährtin Sophia Goudstikker.

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Nach München!

Vielleicht war es dieser Kontakt, der Ika Freudenberg und Emmy Preußer 1894 dazu bewegte, ihre Wiesbadener Zelte abzubrechen und nach München zu gehen. Sie zogen in die Maxvorstadt an den Rand des Englischen Gartens – direkt in die Nachbarschaft von Sophia Goudstikker und Anita Augspurg, die in der Kaulbachstraße lebten. Noch im selben Jahr gründeten Freudenberg, Augspurg und Goudstikker einen Verein: Die Gesellschaft zur Förderung geistiger Interessen der Frau musste zwar zweimal umbenannt werden, bis sie einen einigermaßen griffigen Namen hatte, aber als Verein für Fraueninteressen existiert sie immerhin noch heute. Erste Vorsitzende wurde Ika Freudenberg.

Der „kleine Verein mit dem langen Namen“, wie der Satiriker Ernst von Wolzogen ihn nannte, wuchs schnell. Bald gab es nicht nur regelmäßige Vortrags- und Diskussionsabende, sondern auch eine Stellenvermittlung für weibliche Lehrlinge, eine Rechtsberatungsstelle für Frauen und eine Jugendgruppe, die Ika Freudenberg besonders am Herzen lag. Auch die Mitgliederzahlen schnellten in die Höne. Kommissionen wurden gebildet – zum Beispiel eine zur Situation von Fabrikarbeiterinnen, die oft weniger als die Hälfte ihrer männlichen Kollegen verdienten, oder von Heimarbeiterinnen, denen es noch schlechter ging.

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Ika Freudenberg und die Sache der Kellnerinnen

Besonders am Herzen lag Ika Freudenberg die Sache der Kellnerinnen in den bayerischen Wirtshäusern. Zu langen Arbeitstagen oder-nächten bei schlechter Bezahlung kamen körperliche Belastung und nicht selten sexuelle Belästigung. Der Verein für Fraueninteressen organisierte daher Räumlichkeiten, in denen Kellnerinnen sich noch nach ihrer Arbeit – also mitten in der Nacht – treffen konnten, um gemeinsam mit den Arbeitgebern ihre Belange zu besprechen und sich zu organisieren. Die Berliner Frauenrechtlerin Gertrud Bäumer, die mit Ika Freudenberg befreundet war, beschreibt die Begebenheit wie folgt

„Ich sehe sie noch anrücken: die vom Franziskaner, die vom Salvator, die vom Hofbräu (mit ehrfürchtigem Flüstern begrüßt). Die kleinen Abwaschmädel mit den weißen Schürzen. Reden taten sie unbefangen und kräftig, die Wirte nictht minder. Neugierige Stammgäste waren reichlich vertreten. Auch Elemente aus den Animierkneipen und dem Zuhältertum. So wurde die Sache zimelich lebhaft.“

Gertrud Bäumer: Gestalt und Wandel. Frauenbildnisse. Berlin 1939, S. 425.

Die Initiative führte zur dazu, dass eine Kellnerinnengewerkschaft gegründet wurde. Noch Jahre später war Ika Freudenberg stolz darauf, dass das gelungen war. Gertrud Bäumer erzählt, wie Ika Freudenberg beim Wandern in den Alpen einmal von einer Gruppe Kellnerinnen angesprochen wurden, die ihr herzlich für ihr Engagement dankten.

Und dann bemühte sich der Verein natürlich auch um Außenwirkung. Man wollte bekannt machen, wie vielfältig und aktiv die Frauenbewegung auch im katholischen Bayern mittlerweile war, wie viele Frauenintiativen und frauengeführte Betriebe es mittlerweile gab. 1899 kündigte der Verein also an, einen groß angelegten „Bayerischen Frauentag“ zu veranstalten. Zunächst schlug ihm Skepsis entgegen. Würde so ein Kongress im konservativen Bayern auf Publikumsinteresse stoßen?

Er tat es. Der Bayerische Frauentag wurde zu einem Riesenerfolg, zog zahlreiche Besucherinnen und Besucher an und wurde auch durchaus wohlwollend in der Tagespresse besprochen.

Für Ika Freudenberg hieß das, dass ihr Arbeitspensum weiter kräftig anstieg. Sie wurde zu einer beliebten Vortragsrednerin, und auch im Bund deutscher Frauenvereine war sie mit ihrem Humor und ihrem diplomatischen Geschick als Kandidatin für Ämter und Mandate gefragt.

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Emmy Preußers Tod

Privat gab es dagegen Anlass zur Sorge: Der Gesundheitszustand der Lebensgefährtin hatte sich drastisch verschlechtert. Im November 1898 schrieb Ika Freudenberg an die Vorsitzende des Bunds deutscher Frauenvereine:

„Ihr werter Brief, sehr veehrtes Fräulein Schmidt, trifft mich zu einer Zeit, wo ich wieder vier Fünftel des Tages durch Krankenpflege in Anspruch genommen bin.“

(Ika Freudenberg an Auguste Schmidt, 8.11.1898)

Wenige Monate später war Emmy Preußer tot. Wohl in Vorahnung dessen hatte sie das gemeinsame Testament aus dem Jahr 1893 durch ein neues ersetzt, in dem sie Ika Freudenberg die gemeinsame Wohnungseinrichtung nebst einem Legat von 33.000 Mark vermachte. Zur Einordnung: Allein die Zinsen, die dieser Betrag abwerfen konnte, überstiegen Durchschnittslohn eines Facharbeiters.

„Seit Jahren führe ich mit meiner Freundin, Fräulein Friederike Freudenberg aus Wiesbaden, […] eine gemeinschaftliche Haushaltung. Während der ganzen Zeit unseres Zusammenlebens hat mir meine Freundin fortgesetzt Gutes erwiesen, mich in liebevollster Weise gepflegt, und dadurch vielfach verabsäumt, für sich selbst zu sorgen.“

Testament Emmy Preußer, 21.6.1897

Bemerkenswert ist die Klausel, die sie einbaute, um dafür zu sorgen, dass das Geld auch bei der Gefährtin ankam. Während die Anteile der Brüder im Fall der Ausschlagung an ein Taubstummeninstitut fallen sollten, sah sie anstelle Ika Freudenbergs den Menschen vor, der es in ganz Deutschland wohl am allerwenigsten nötig hatte:

„Sollte sie […] dieses Legat ausschlagen, so vermache ich die zur Dotierung des Legats verwendete Summe von Mk. 33.000,- Seiner Majestät dem zur Zeit meines Todes regierenden deutschen Kaiser, König von Preußen.“

Testament Emmy Preußer, 21.6.1897

An Humor scheint es ihr nicht gemangelt zu haben.

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Umzug

Nach Emmy Preußers Tod kam Ika Freudenberg offenbar kaum zum duchatmen. Der Frauentag musste organisiert werden, und auch ihre Vortragstätigkeit nahm sie sofort wieder auf. Dazu kam eine Veränderung in den Wohnverhältnissen: Im Sommer 1899 löste sie die Wohnung in der Giselastraße auf, die sie gemeinsam mit Emmy Preußer bewohnt hatte, und zog zu Sophia Goudstikker in die Königinstraße, gleich am Südende des Englischen Gartens. Eigentlich hatte Sophia Goudstikker dort mit Anita Augspurg einziehen wollen. Das wurde jedoch abgeblasen: Die beiden Frauen hatten beschlossen, getrennte Wege zu gehenAnita Augspurg zog lieber mit der Hamburger Frauenrechtlerin Lida Gustava Heymann in Kaulbachstraße – auch nur einen Steinwurf entfernt – und Ika Freudenberg zog in die Königinstraße 3a. Heute befindet sich dort das amerikanische Konsulat.

Sophia Goudstikker betrieb schon seit längerem in der von-der-Tann-Straße ein beliebtes und erfolgreiches Fotoatelier. Sie war bestens vernetzt. Und so wurde das Wohnzimmer in der Königinstraße bald zu einem Treffpunkt, in dem sich Frauenrechtlerinnen und Schwabinger Bohème die Klinke in die Hand gaben. Der Satiriker Ernst von Wolzogen gehörte ebenso zu den Gästen wie die Schriftstellerinnen Ricarda Huch und Gabriele Reuter.

„Den persönlichen Mittelpunkt bildete das Haus von Sophie Goudstikker, […] in das Ika Freudenberg nach dem Tode ihrer Freundin übersiedelte. […] Dieses kleine lebendige Haus, mit der kecken Laune seines Schmucks, es war die eigene Welt einer schaffenden Frau, auf eigenem Grunde erarbeitet, aus eigenstem Stil gestaltet, Zeugnis von freudiger unabhängiger Lebenskraft und feuriger Schönheitsliebe.“

Gertrud Bäumer: Gestalt und Wandel, Frauenbildnisse, Berlin 1939, S. 417.

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Gertrud Bäumer

Nicht immer traten Sophia Goudstikker und Ika Freudenberg jedoch im Doppelpack auf. In der Frauenbewegung arbeiteten sie gemeinsam, aber oft an verschiedenen Projekten; Goudstikker betrieb nach wie vor das sehr erfolgreiches Fotoatelier, das sie mit Anita Augspurg gegründet hatte. Und schließlich pflegten beide Frauen auch getrennte Freundschaften, die ihnen wichtig waren und die sie einander gönnten.

So hatte Freudenberg um 1904 die Berliner Frauenrechtlerin Gertrud Bäumer kennengelernt. Bäumer, die selbst in Berlin mit der Pädagogin Helene Lange zusammenlebte, genoss das unkonventionelle Umfeld in der Königinstraße und kam mehrmals im Jahr auf Besuch oder unternahm Kurztrips mit Freudenberg in die nahe gelegenen Alpen. 1905 erfüllten die beiden Frauen sich gemeinsam einen lang gehegten Wunsch und machten eine mehrwöchige Rundreise durch Italien – quasi auf Goethes Spuren. Gertrud Bäumer war 31 und hatte gerade über Goethe promoviert; Ika Freudenberg hatte gerade ihren 47. Geburtstag gefeiert.

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Diagnose: Brustkrebs

Es sollte ihre letzte unbeschwerte Reise werden. Wenige Wochen nach der Rückkehr wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert. Anfang 1906 unterzog sie sich einer Brustamputation.

„Ika geht es verhältnismäßig gut, sie ist gestern aus der Klinik nach Hause gekommen. Der ‚bakteriologische Befund‘ […] scheint doch relativ günstig zu sein, so daß man nicht, wie Puck zuerst, an das Schlimmste zu denken hat. […] Jedenfalls darf man hoffen, daß mit der Operation die allerdings sehr eingreifend hat sein müssen, die Sache behoben ist.“

Gertrud Bäumer an Marianne Weber, 4. April 1906

Den Lebensmut ließ Ika Freudenberg sich davon jedoch nicht nehmen. Sie arbeitete weiter mit fast ungebrochener Intensität in der Frauenbewegung, und auch ihr Humor blieb ihr erhalten. Aus einem Kurzurlaub mit Gertrud Bäumer in Hohenschwangau schrieb sie gemeinsam mit jener an die befreundete Soziologin Marianne Weber:

„Nun zum Schluß, liebe Frau Weber, noch einen Vorschlag zum Guten: Pfeifen wir auf die ganze Frauenbewegung […] und nisten wir uns irgendwo am Busen der Natur ein. Glauben Sie mir, ein Busen ist was Schönes, ich muß das wissen, nach dem Gesetz, daß man erst die verlornen Dinge erst recht schätzt: Bitte dies Prachtbeispiel von Galgenhumor zu würdigen.“

Ika Freudenberg und Gertrud Bäumer an Marianne Weber, undatiert

Ika Freudenberg hatte die Gabe, schöne Momente in aller Tiefe auszukosten. Freilich gab es auch Momente der Verzweiflung, die sie unter anderem in lyrischen Texten verarbeitete. Eins ihrer Gedichte, von Gertrud Bäumer überliefert, beginnt mit den Worten „Mir träumt, ich wär‘ gestorben“ und handelt davon, wie sie von einem Engel davongetragen wird und noch ein letzes Mal auf die Erde zurückblickt.

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Letzte Jahre

Ika Freudenberg arbeitete weiter, solange es ihre Kraft zuließ. Bis Ende 1911 leitete sie noch Versammlungen – auch wenn ihre Stimme manchmal versagte und Gertrud Bäumer dann für sie übernahm. Im Dezember verschlechterte sich ihr Zustand jedoch so stark, dass das Ende absehbar wurde. Gertrud Bäumer war noch einmal aus Berlin angereist:

„Ich bin hier, um in Ikas Nähe zu sein, deren Krankheit seit etwa 14 Tagen in ein neues Stadium getreten ist. Man kann nun nur aus tiefster Seele hoffen, daß eintritt, was jeden Augenblick erwartet wird: ein Blutgerinnselerguß, der sie erlöst. Man kann an gar nichts anderes denken […] neben dem verzweifelten Wunsch, daß dies aufhören möge. —„

Gertrud Bäumer an Marianne Weber, 29.12.1911

Zehn Tage später war Ika Freudenberg tot.

Aber enden wir mit einem Blick zurück ins Leben. Wenn Ika Freudenberg nämlich eines war, dann lebensfroh. Liest man ihre Briefe, in fein geschwungener Kurrentschrift verfasst, bekommt man eine Ahnung, davon. Enden wir also statt mit noch einem Nachruf mit einer Kostprobe ihres Stils aus dem Jahr 1901. Es ist eine Antwort auf einen Brief der Berliner Frauenrechtlerin Anna Pappritz, der wohl auch für einige Erheiterung gesorgt hatte:

Liebster Pappermann, ich hätte Ihnen längst geantwortet, nachdem ich Ihre famose Zuschrift vielfach verlesen, zuletzt in unserer Schluß-Vorstandssitzung, die gemütlich im Garten unter schönen alten Bäumen bei einer Erdbeerbowle stattfand (o süddeutsche Zuchtlosigkeit!) […] [Heute wurde ich] auf  eine höchst unsinnigliche Weise an Sie erinnert […]. An einem Orte, den der Anstand zu nennen verbietet, fand ich zu meinem Staunen ein Exemplar der Berliner Frauenzeitung mit […] Ihre[r] Besprechung der Dresdener Bundestage. Es ergriff mich mächtig, daß Sie mir die Ehre erweisen, meinen Vortrag geistreich zu nennen u. neuen Thatendranges voll verließ ich die stille Klause. Welch seltsame Fügung! Und welche fruchtbare Anregung! Wäre es nicht gut, dieses Lokal und die aufnahmefähige Stimmung seiner Besucher für unsere Zwecke auszunutzen? […] Etwa einen Automaten, aus dem man je nach Bedarf ein Stück Rede von Lenchen Bonfort, […] ein Lispeln von Minna [Cauer], oder ein Gedröhn von Anita [Augspurg] herausziehen könnte! Ach Gott!

Ika Freudenberg an Anna Pappritz, 3. Juli 1901

(Ob die Frauenbewegung tatsächlich Redenspender auf öffentlichen Toiletten installierte, ist nicht überliefert.)

Aus der öffentlichen Erinnerung ist Ika Freudenberg so gut wie verschwunden. Immerhin wurde in München-Riem im Jahr 2004 eine Straße nach ihr benannt. Vielleicht ziehen ihr Heimatort Neuwied und ihr früherer Wohnort Wiesbaden ja irgendwann einmal nach.

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Ausschnitt des Briefs vom 3. Juli 1901.

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Quellen und Literatur:

Ika Freudenberg an Anna Pappritz, 3. Juli 1901, NL Pappritz, Landesarchiv Berlin B-Rep 235-13, MF Nr. 3458.
Gertrud Bäumer an Marianne Weber, 4. April 1906, NL Bäumer, Bundesarchiv Koblenz, N1076/28.
Ika Freudenberg und Gertrud Bäumer an Marianne Weber, undatiert, NL Bäumer, Bundesarchiv Koblenz, N1076/28.
Gertrud Bäumer an Marianne Weber, 29.12.1911, NL Bäumer, Bundesarchiv Koblenz,  N1076/28.
Testament Emmy Preußer, 21.6.1897, Bayerisches Staatsarchiv München, AG München I A NR 1899/440. 
Bäumer, Gertrud: Gestalt und Wandel. Frauenbildnisse, 48.-52. Tsd., Berlin 1939.
Reuter, Gabriele: Der Kampf der Frau, in: Der Tag. 20. Januar 1912.
Wolzogen, Ernst von: Das dritte Geschlecht, 1-20 Tsd, Berlin 1899.

Bildnachweise:
Ika Freudenberg: Gertrud Bäumer, Gestalt und Wandel, ggü. S. 432.
Briefauszug: Ika Freudenberg an Anna Pappritz, 3. Juli 1901, NL Pappritz, Landesarchiv Berlin B-Rep 235-13, MF Nr. 3458.

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Zitiervorschlag:
Bianca Walther: „‚Es ist so was Lebendiges drum‘ – Die Westerwälderin Ika Freudenberg (1852-1912) und die Münchner Frauenbewegung“, 15.3.2020, https://biancawalther.de/ika-freudenberg, abgerufen am [Datum].