Am 9. April 1848 wurde in Oldenburg die Pädagogin Helene Lange geboren. Sie gilt als Pionierin der Mädchenbildung und eine der bedeutendsten Frauenrechtlerinnen Deutschlands.

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Kindheit und Jugend
Helene Lange
Abb. 1: Helene Lange um 1900

Helene Lange wuchs in einer alteingesessenen Kaufmannsfamilie auf. In ihren Memoiren beschreibt sie ihre Kindheit als glücklich und frei: Zusammen mit ihren Geschwistern und den Kindern aus der Nachbarschaft erkundete sie nach Herzenslust die Gegend, einschließlich der umliegenden Gärten, Schuppen, Scheunen und Stallungen. Aber sie war auch gern allein unterwegs, setzte sie mit dem Boot ans andere Flussufer über, um in Ruhe zu lesen. Nur der Hund durfte mit.

Mit einsetzender Pubertät hatte diese Freiheit jedoch ein Ende: Wie für so viele „höhere Töchter“ hieß es für sie nun, sich auf ein Leben als bürgerliche Ehefrau vorzubereiten. Nach der Schule wurde sie für ein Jahr zu einer befreundeten Familie „in Pension“ gegeben – und danach kam zunächst einmal: nichts.

„Ödland, Kleinstadtleben in der Heimat, wo ich bis auf weiteres das Dasein einer Haustochter im großväterlichen Hause führen sollte. Das bedeutete: ein wenig Haus- und Handarbeit, etwas Klavierspielen, einen Spaziergang durch den Schlossgarten und Kaffeevisiten, bei denen häufig der rote kalte Pudding mit weißer oder der weiße mit roter Sauce das wesentliche Unterscheidungsmerkmal bildete. […] Wenn man bedenkt, daß so oder ähnlich das Dasein ungezählter junger weiblicher Wesen in der ‚Wartezeit’ ausgefüllt wurde, kann einen noch nachträglich das Grauen ergreifen bei dem Gedanken an die Unsumme vergeudeter Energien und Wirkungsmöglichkeiten.“

Helene Lange, Lebenserinnerungen, S. 87.

Die „Haustochter“ hatte jedoch keinesfalls vor zu heiraten. 1864, kurz nach dem Tod des Vaters, ging sie ins Elsass, um dort als Hilfslehrerin an einem Mädcheninternat zu arbeiten. Auch Kurse konnte sie dort belegen. Für Lange war das eine große Chance: In Deutschland war der Besuch einer weiterführenden Schule für Mädchen nach dem Abschluss der Töchterschule nicht möglich.

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Im Beruf

Helene Lange wollte jedoch mehr erreichen. Von ihren beruflichen Plänen wollte die Familie über lange Zeit nichts wissen, aber 1871 setzte sie sich durch und ging nach Berlin. Seit zwei Jahren volljährig, wollte Lange nun endlich das Lehrerinnenexamen machen. Es war ein Risiko, denn ein Seminar hatte sie nicht besucht. Sie bestand die Prüfung jedoch glänzend und arbeitete fortan als Lehrerin an der privaten Mädchenschule von Lucie Crain in der Keithstraße. Später baute sie dort auch eine Seminarklasse mit auf, die sie selbst leitete.

Schon früh setzte sie sich dafür ein, die Arbeitsbedingungen von Lehrerinnen zu verbessern. Lucie Crain zahlte anständig, aber immer noch verdiente eine Lehrerin gerade einmal die Hälfte eines männlichen Kollegen.

Mehr noch als um höhere Gehälter ging es Helene Lange jedoch um eine bessere Bildung für Mädchen. In den 1880er Jahren durften Frauen in Preußen noch lange nicht das Abitur machen. Mädchengymnasien gab es nicht. An den sogenannten „höheren Mädchenschulen“ konnten Mädchen bis zum Alter von 15 Jahren eine sehr begrenzte Bildung erhalten. Danach gab es allenfalls noch die Möglichkeit, sich an einem Seminar zur Lehrerin ausbilden zu lassen.

Helene Lange machte sich zur Aufgabe, das zu ändern.

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Führende Akteurin der Mädchenbildung

1888 initiierte Lange gemeinsam mit anderen Frauenrechtlerinnen (darunter Minna Cauer) eine Petition an das Preußische Abgeordnetenhaus. Ziel war, die Mädchenbildung an die der Jungen anzugleichen. Gleichzeitig sollten mehr Lehrerinnen zum Einsatz kommen. Damit würden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Mädchen hätten mehr weibliche Vorbilder, Frauen mehr Berufschancen. Zu der Petition verfasste Helene Lange eine Begleitschrift mit dem Titel „Die höhere Mädchenschule und ihre Bestimmung“. Der Text wurde als „gelbe Broschüre“ bekannt und machte Lange über Nacht zu einer prominenten Akteurin der Frauenbildungsbewegung. Auch die progressive Kronprinzessin Victoria – die spätere Kaiserin Friedrich – wurde auf sie aufmerksam.

Die Petition versandete, und Lange entschloss sich daraufhin zu einer pragmatischen Politik. Mit der Unterstützung der Kaiserin Friedrich reiste sie 1888 nach England, um das dortige Mädchenbildungswesen zu studieren. Wieder zurückgekehrt, rief sie 1889 mit einigen Mitstreiterinnen und Mitstreitern Nachmittagskurse ins Leben, die Mädchen privat auf die Zulassung zu Universitäten vorbereiten sollten. In der Schweiz konnten auch Frauen aus Deutschland bereits studieren; allerdings mussten sie dafür die notwendigen Kenntnisse nachweisen. Gemeinsam mit einem Trägerverein entwarf Lange also ein Programm für Absolventinnen der höheren Mädchenschule. Diese „Realkurse“ fanden bald auch in anderen Städten Nachahmerinnen. Vier Jahre später wurde das Konzept noch einmal erweitert, und die Kurse wurden als „Gymnasialkurse“ fortgeführt.

Einige eher programmatisch denkende Frauenrechtlerinnen kritisierten Helene Lange für dieses Vorgehen. Lida Gustava Heymann etwa kreidete ihr an, mit ihren privat organisierten Kursen das Ziel eines vollwertigen Mädchengymnasiums oder einer koedukativen Bildung aufs Spiel zu setzen. Allerdings vergaß Heymann dabei, dass Lange sich nicht nur im Kleinen für schrittweise Verbesserungen einsetzte, sondern immer auch den „großen Wurf“ – die Öffnung der Bildungseinrichtungen in Preußen – im Blick hatte. Als das 1908 endlich geschafft war, trug der Gesetzesentwurf maßgeblich Helene Langes Handschrift.

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Aktiv in Frauenbewegung und Politik

Auch in Frauenvereinen war Helene Lange aktiv. Sie war Mitgründerin und Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins, Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins und Vorstandsmitglied des Bunds deutscher Frauenvereine, der 1894 ins Leben gerufen wurde. Mit ihrer Lebensgefährtin Gertrud Bäumer brachte sie darüber hinaus eine monatlich erscheinende Frauenzeitschrift heraus. Der Titel war Programm: Die Frau.

1919 konnten Frauen zum ersten Mal politische Mandate erhalten. Während Gertrud Bäumer in die Nationalversammlung und später den Reichstag gewählt wurde, zog Helene Lange für die linksliberale DDP in die Hamburger Bürgerschaft ein. Sie war mittlerweile 70 Jahre alt. Nach und nach zog sie sich jedoch aus dem öffentlichen Leben zurück. Ihre Gesundheit war nie besonders robust gewesen, und so langsam hatte sie das Gefühl, den Staffelstab an die 25 Jahre jüngere Gertrud Bäumer übergeben zu können.

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Ausklang
Abb. 2: Helene Langes Grab in Berlin

1930 starb Helene Lange in Berlin. Sie liegt auf dem Friedhof Heerstraße begraben. Gertrud Bäumer überlebte sie um fast ein Vierteljahrhundert. Sie starb 1954 in einem Bielefelder Pflegeheim. Obwohl sie dort beerdigt wurde, ist sie auf eine Weise doch wieder mit der Lebensgefährtin vereint. Langes Grabstein trägt nunmehr die Inschrift: „In memoriam Gertrud Bäumer“. Bäumers Name auf ihrem eigenen Grabkreuz auf dem Friedhof Bethel ist dagegen kaum mehr entzifferbar.

Helene Lange verfügte über eine gehörige Dosis Humor, Sarkasmus und Selbstbewusstsein. Großgewachsen und stimmstark, galt sie als hervorragende Rednerin und Schwarm zahlreicher Schülerinnen. Ihr Talent, ihre eigene Nachfolge zu sichern, um sich als „Graue Eminenz“ der bürgerlichen Frauenbewegung schrittweise in den Hintergrund zurückziehen zu können, brachte ihr unter ihren Anhängerinnen einen Spitznamen ein, der sie bis an ihr Lebensende begleitete: Helene Lange war „der Meeschter“.

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Quellen und Literatur:

Bäumer, Gertrud: Lebensweg durch eine Zeitenwende, Tübingen 1933.
Göttert, Margit: Macht und Eros. Eine neue Perspektive auf Helene Lange und Gertrud Bäumer, Königstein/Ts. 2000.
Lange, Helene: Kampfzeiten. Aufsätze und Reden aus vier Jahrzehnten, Berlin 1928.
Lange, Helene: Lebenserinnerungen, Berlin 1930.
Schaser, Angelika: Helene Lange und Gertrud Bäumer. Eine politische Lebensgemeinschaft. 2. Aufl., Köln u. a. 2010.

Bildquellen:

Abb. 1: Bäumer, Gertrud: Gestalt und Wandel. Frauenbildnisse, Berlin 1939, ggü. S. 337.
Abb. 2: Privat.