Ein Rechercheaufenthalt mit Folgen

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Bundesarchiv Koblenz (Foto: privat)

Im Sommer 2019 war ich im Bundesarchiv, um im Nachlass der Politikerin Marie-Elisabeth Lüders nach Briefen an andere Frauenrechtlerinnen zu suchen. Die zuständige Archivarin meinte, da sei kürzlich etwas Material eingegangen, das noch nicht inventorisiert sei und ungeöffnet im Magazin lagerte. Ob ich es einmal sehen wollte?

Ob ich unbekanntes Marie-Elisabeth-Lüders-Material sehen will? Trägt Helene Lange einen Dutt?

Wir gingen also in den Keller. Einmal links, einmal rechts und dann ganz nach hinten ans letzte Regal. Dort standen einige Bücher (wohl Teil der Lüdersschen Hausbibliothek) und ein unmarkierter Karton. Den wollte ich mir gern genauer ansehen.

In dem Karton befand sich eine Mappe mit der Aufschrift „Anna Pappritz“. Treffer, dachte ich. Anna Pappritz und Marie-Elisabeth Lüders waren gut befreundet gewesen. Pappritz ist eine der Protagonistinnen meiner (noch im Entstehen begriffenen) Dissertation über weibliche Lebensgemeinschaften in der Alten Frauenbewegung. Leider existieren nur noch sehr wenige Privatbriefe von ihr oder an sie. Ob diese Mappe welche enthielt?

Ja, tat sie. Zum Vorschein kamen fünf, sechs Briefe der alten Anna Pappritz an ihr „Seidenhäsel“, wie sie die 17 Jahre jüngere Lüders nannte. Dazu einige Fotos, das Testament von Pappritz‘ Mutter Pauline (warum auch immer) und ein Tageskalender aus dem Jahr 1922, der wohl insbesondere für Wetterhistoriker:innen von Interesse sein dürfte.

Die Mappe enthielt aber auch noch etwas ganz anderes. Dafür muss ich etwas ausholen.

Anna Pappritz: Nachlass mit Lücken

Anna Pappritz hat einen Nachlass hinterlassen, der im Helene-Lange-Archiv im Berliner Landesarchiv aufbewahrt wird. Über den Meta-Katalog des Digitalen Deutschen Frauenarchivs ist er auch online einsehbar. Darin befindet sich ein Tagebuch, in dem Pappritz auch eine Reise nach Indien erwähnt: „Vom 2. N 12 bis 24. Feb 13 dauerte m. Indische Reise“, schrieb sie im Winter 1913.

Wie, sonst nichts?

Nein. Sonst nichts. Kein Erfahrungsbericht, keine Postkarte, keine Fotos, auch kein Artikel in einer der vielen Frauenbewegungszeitschriften, für die Pappritz schrieb und von denen sie eine sogar selbst herausgab. Ihre Reisegefährtin Katharina Scheven hatte zwar in Der Abolitionist und in Die Frau einige Artikel über die Reise veröffentlicht, aber Anna Pappritz hat sie dort nicht einmal erwähnt. Pappritz erwähnte die Reise einmal kurz in einem Brief an die Vorsitzende des Bunds deutscher Frauenvereine, Gertrud Bäumer. Ansonsten: nichts. Die viermonatige Episode, die doch zu einem der größten Abenteuer im Leben einer brandenburgischen Gutsherrentochter gehören müsste, blieb eine Leerstelle in Anna Pappritz‘ Biografie.

……

Eine Zufallstreffer, der eine Leerstelle füllt

Nichts ahnend schlug ich die Mappe auf. „Indische Reise“ waren die ersten beiden Wörter, auf die mein Auge fiel.

Anna Pappritz auf einem Elefanten (BArch N1151-341, Fol. 12)

Es war das Reisetagebuch. Oder vielmehr: Eine Abschrift des Reisetagebuchs. 150 maschinengeschriebene Seiten in 18 Bündeln, die jeweils oben an einer Ecke zusammengeheftet waren. Dazu ein paar Fotos und eine Begleitkarte, aus der hervorgeht, wie das Tagebuch in den Nachlass von Marie-Elisabeth Lüders gelangte: Pappritz‘ Lebensgefährtin Margarete Friedenthal hatte es nach Anna Pappritz‘ Tod behalten, und nach deren Tod wiederum hatte die Schriftstellerin Dorothee von Velsen es an Lüders geschickt – als Freundschaftsdienst wahrscheinlich, denn Lüders war enger mit Pappritz befreundet gewesen als Velsen.

Somit ist also endlich die Frage beantwortet, was Anna Pappritz von November 1912 bis Februar 1913 in Indien tat: Sie war Touristin. In dem Tagebuch gibt sie uns nicht nur ihre Eindrücke wieder, sondern gewährt uns auch detaillierte Einblicke in die logistische Seite der Reise. Das Dokument schließt damit einerseits eine Lücke in Anna Pappritz‘ Biografie; andererseits ist es ein Stück Tourismusgeschichte. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Ein im Tagebuch häufig genannter Reiseveranstalter hörte während der Arbeit am Manuskript auf zu existieren. Auf meine Anfrage, ob man vielleicht Lust hätte, die Publikation zu sponsern, kam schon keine Antwort mehr …

Anna Pappritz: Indisches Tagebuch.
Eine Frauenrechtlerin reist nach Ceylon, Indien und Kairo.
Herausgegeben und mit einer Einführung versehen von Bianca Walther,
mit einem Vorwort von Bärbel Kuhn und Kerstin Wolff, St. Ingbert 2020.

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