Sozialphilosophinnen der Aufklärung – eine unvollständige Leseliste
Elise Reimarus (1735-1805)

Anlässlich des Geburtstags der Hamburger Gelehrten Elise Reimarus (1735-1805) am 22. Januar wurde ich mal wieder an den Pflichtkurs zur Sozialphilosophie des 17. bis 19. Jahrhunderts erinnert, den ich vor zehn Jahren mal belegen musste.

Das heißt, „musste“ ist eigentlich das falsche Wort. Interessiert hatte mich das Thema schon. Nur war die Aufbereitung durch das Institut für Literaturwissenschaft an der Fernuni Hagen dann doch dergestalt, dass es keine Freude wurde. Der Hauptgrund: Es kamen exakt null Frauen vor.

Das galt nicht nur für diesen Kurs, sondern auch für einen anderen des gleichen Moduls. Dort ging es um Wilhelm Meisters Lehrjahre als Beispiel für „den“ Bildungsroman schlechthin. Kann man natürlich so machen. Nur: Wenn in einem Studienbrief die Geschlechterperspektive damit abgehandelt wird, dass Frauen ja vorkämen, und zwar sogar idealisiert und zur Göttin stilisiert, und dass das doch eine tolle Sache sei und von Respekt vor Frauen zeuge – dann wird es schon schwierig, wenigstens den Rest irgendwie ernst zu nehmen.

Nun ja. Da ich mich mit dem Gebotenen nicht zufriedengeben wollte, machte ich mich selbst auf die Suche.

Ganz ehrlich? Es dauerte nicht lang, bis ich eine Literaturliste hatte. Der Nachteil war, dass ich sie zusätzlich zur Pflichtlektüre durchzuarbeiten hatte. Der Vorteil war eine faszinierende Entdeckung: Ja, es gab um 1800 auch Frauen! Es gab sogar mehr als Olympe de Gouges und Mary Wollstonecraft (wobei das Modul noch nicht einmal diese beiden thematisierte). Und ja, es gibt eine lebendige feministische Kritik an der Gesellschaftsphilosophie des 17. bis 19. Jahrhunderts! Aber warum diese faszinierenden, spannenden, anregenden Zeitzeugnisse und wissenschaftlichen Werke der allgemeinen Studierendenschaft vorenthalten? Eine überzeugender Grund fällt mir bis heute nicht ein..

Das hier war sie, meine eklektische Privat-Leseliste zum Modul über Sozialphilosophie und sonstige geistesgeschichtliche Grundlagen der europäischen Moderne aus der Zeit der Aufklärung. Spezialisiert habe ich mich dann aufs späte 19. Jahrhundert – aber immerhin wurde es dann doch noch ein erhellender Ausflug in die Grundlagen der Geschlechterphilosophie der bürgerlichen Gesellschaft.

Die Leseliste

Politische Forderungen von Frauen nach Frauenrechten (vor 1800) – eigentlich das Mindeste:
Gouges, Olympe de: Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne, Paris 1791.
Wollstonecraft, Mary: A Vindication of the Rights of Woman, London 1792.

Bildungsromane und Gesellschaftsentwürfe/Gesellschaftskritik als fiktive Erzählungen:
La Roche, Sophie von: Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim, Leipzig 1771.
Scott, Sarah: A Description of Millenium Hall and the Country Adjacent, London 1762.
Wollstonecraft, Mary: Maria, or the Wrongs of Woman, London 1798.

Feministische Kritik an Vertragstheorien des 17.-19. Jahrhunderts:
Pateman, Carole: The Sexual Contract, Cambridge u. a. 1988.

Eine Biografie einer Gelehrten, die von Nachfahren ihrer eigenen Familie aus der Erinnerung getilgt wurde:
Spalding, Almut: Elise Reimarus (1735-1805) – The Muse of Hamburg: A Woman of the German Enlightenment, Würzburg 2005.

Bonus Tracks

Ein faszinierender Einblick in Netzwerke intellektueller Frauen vor 1850 – und männliche Cancel Culture:
Angela Steidele: Geschichte einer Liebe. Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens, Berlin 2010.

Zwei Frauen, die eigentlich eher einen Entwurf fürs Privatleben verfolgten, aber durchaus stilbildend wurden:
Elizabeth Mavor: The Ladies of Llangollen. A Study in Romantic Friendship, London 1971.

Bildquelle: Scherenschnitt von Elise Reimarus, abgedruckt in; Gisela Brinker-Gabler (Hg.), Deutsche Literatur von Frauen. Band 1. Beck, München 1988. S. 403 (via Wikimedia Commons, dort als gemeinfrei angegeben.)