Alice Salomon: Ein Leben für die Soziale Arbeit

Alice Salomon

Alice Salomon (1872-1948) ist in Deutschland als Pionierin der Sozialen Arbeit bekannt. Was viele nicht wissen: Sie war auch eine international bekannte Frauenrechtlerin. Grund genug, ihr eine Folge der Frauen von damals zu widmen.

 

Raus aus dem „Pflanzendasein“: Eine höhere Tochter schwimmt sich frei

Ihre ersten Schritte hinaus aus dem „Pflanzendasein“ der höheren Tochter (wie sie es selbst einmal nannte) tat Alice Salomon mit 21 Jahren: 1893 trat sie den neu gegründeten Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit bei, die jungen Frauen aus dem Bürgertum eine sinnvolle Betätigung anbieten und gleichzeitig das soziale Bewusstsein schärfen wollten. Alice Salomon ging voll in dieser Arbeit auf und wurde bald zur rechten Hand der Leiterin der Gruppen, Jeanette Schwerin, die auch ihre Mentorin wurde. Nach Jeanette Schwerins frühen Tod 1899 wählten die Gruppen Alice Salomon zu ihrer Nachfolgerin.

Über Jeanette Schwerin wurde Alice Salomon auch in der Frauenbewegung  aktiv. Im Bund Deutscher Frauenvereine setzte sie sich zunächst für die Interessen von Arbeiterinnen ein. Später wurde sie Schriftführerin des Vorstands und Vizepräsidentin des Verbands. Diese beiden Ämter bekleidete sie ab 1909 bzw. 1920 auch im Internationalen Frauenrat, zu dessen Kongressen sie regelmäßig reiste.

 

Die moderne Soziale Arbeit entsteht

1908 gründete sie in Berlin auf der Grundlage der Jahreskurse der Mädchen- und Frauengruppen die erste überkonfessionelle Soziale Frauenschule Deutschlands und trug (nicht nur) dadurch maßgeblich dazu bei, die Soziale Arbeit in Deutschland auf professionelle Füße zu stellen. Ganz nebenbei etablierte sie damit auch ein zukunftsfähiges, modernes Berufsfeld, in dem insbesondere junge Frauen schnell Fuß fassten.

Die internationale Vernetzung und die Verwissenschaftlichung der Sozialen Arbeit trieb sie ebenfalls voran: 1925 gründete sie die Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit; 1929 war sie Mitgründerin des Internationalen Komitees Sozialer Schulen (die heutige IASSW).

 

Vertrieben und verjagt: Letzte Lebensjahre im Exil

Nach Jahrzehnten des Kampfs für Frauenrechte, weibliche Berufstätigkeit und eine gerechtere Gesellschaft wurde sie 1933 von den Nationalsozialisten brutal aus dem öffentlichen Leben entfernt. „Als hätten wir nie existiert,“ beschrieb sie die Auslöschung, die neben ihr so viele andere Frauenrechtlerinnen und (insbesondere jüdische und jüdischstämmige) berufstätige Frauen traf. Die Akademie konnte sie noch auflösen, um sie der „Gleichschaltung“ zu entziehen. Bei der Schule, deren Leitung sie bereits aus gesundheitlichen Gründen abgegeben hatte, gelang ihr das nicht mehr.

1937 wurde sie nach einer Auslandsreise zu einem vierstündigen Verhör zur Gestapo zitiert. Am Ende stand die Ausweisung aus Deutschland.

Alice Salomon starb 1948 im New Yorker Exil. Es dauerte bis in die 1980er Jahre, bis sie auch in Deutschland endlich wiederentdeckt und gewürdigt wurde. Die Schule, die sie einst gegründet hatte, existiert heute noch: als Alice-Salomon-Hochschule.

 

LITERATURHINWEISE UND LINKS ZUR FOLGE
  • Alice Salomon: Lebenserinnerungen, Frankfurt/Main 2008. Es gibt auch eine ältere Auflage von 1983. Welche ihr auch greifen könnt: unbedingte Leseempfehlung!
  • Manfred Berger: Alice Salomon. Pionierin der sozialen Arbeit und der Frauenbewegung, 4. Aufl., Frankfurt/Main 2018.
  • Joachim Wieler: Er-Innerung eines zerstörten Lebensabends. Alice Salomon während der NS-Zeit (1933-1937) und im Exil (1937-1948), Darmstadt 1987.